• Eine vertikale Bühne beleuchten - Her ground is air fotografieren

Eine vertikale Bühne beleuchten - Her ground is air fotografieren

Wie fotografiert man eine Tanz-Performance an einer senkrechten Wand eines Theaters, damit die Leichtigkeit, die der Titel der Show suggeriert, auch in den Bildern sichtbar wird? Welche Lichtformer und Leistungsträger wählt man, um an einem Frühsommertag mit voller Sonneneinstrahlung (wir fotografierten zwischen 12 und 14 Uhr an der Südwand des Gebäudes) das extreme Gegenlicht in den Griff zu bekommen? Gedanken dazu - und auch ein paar Lösungsansätze - sollen im Folgenden beschrieben werden.

Die Vorgaben des Tanz-Duos bestehend aus Laetitia Kohler und Rebekka Gather verlangten sowohl Bilder, die location-unabhängig waren (für generelle Bewerbung zukünftiger Performances) als auch Fotos, die die aktuelle Umgebung (das Théatre du Jura in Delémont, Schweiz) zeigten, weniger abstrakt waren und «Tanz an der Wand» besser illustrierten.

Während der ersten Tests und dem Einrichten der Seile konnten wir unser Licht positionieren und testen. Die Sonne war praktisch im Zenit, wir hatten also eine symmetrische Grundsituation und die beiden Seiten waren im Prinzip identisch, bis auf einen kleinen Unterschied. Rechts hatte die Wand einen kleinen Vorsprung, eher kleine Reflektoren konnten dahinter «versteckt» und so gerichtet werden, dass zwar die Tänzerinnen an der Wand beleuchtet wurden, die Wand selbst aber nicht. Somit konnte eine Mehrfachschattenbildung verhindert werden. Sofern ich nicht sehr nahe an der Wand fotografierte, musste ich mit zwei Schatten rechnen: dem natürlichen Sonnenschatten und dem Schattenwurf meiner starken Blitze. Aber alles der Reihe nach:

In einem allerersten Schritt definierten wir die Kameraeinstellungen. Bei ISO 100 und der kürzesten Synchronzeit von 1/200 s lieferte Blende 16 genau die reduzierte Umgebungshelligkeit, die wir uns wünschten. Im extremen Gegenlicht erschienen die Tänzerinnen jetzt natürlich nur als komplett schwarze Konturen. 

Als Grundlicht wählten wir einen Para 222 von links. Dieser war (auf Position 8) stark, wenn auch nicht vollkommen fokussiert. Man kann auf den BTS-Aufnahmen gut sehen, dass der Para sowohl die Bereiche ober- als auch unterhalb der Fenster abdeckt – da fand die meiste «Action» statt. Im Para 222 befand sich eine Puls L Leuchte; diese wiederum wurde gespeist von einem Satos Generator, der ausschliesslich mit Batterien bestückt war. Wir hatten zwar aus Sicherheitsgründen einen Satos 3200 dabei (wir wussten ja nicht, wie nahe wir unseren Para positionieren konnten); die eingestellten 1600 J aber genügten als «Grundblitzlicht».

Ergänzt wurde das Paralicht durch einen P45 Engstrahlreflektor, montiert an ein Stelos 800 L. Dieser Reflektor hat den Vorteil sehr leistungsstark zu sein, musste aber wegen des eingeschränkten Abstrahlwinkels immer wieder mal nachgerichtet werden, wenn sich das Geschehen langsam der Wand entlang nach unten bewegte. 

Ein grosses Dankeschön hier an meinen Assistenten Masato Yano – auch für das Fotografieren der BTS-Bilder.

Apropos Aufgaben des Assistenten: Ein sehr wichtiger Job von Masato war es, immer wieder mal zu kontrollieren, dass alle Einstelllichter aus waren. Man sah das im hellen Sonnenlicht praktisch nicht und fotografisch war es auch absolut irrelevant. Aber: Einstelllicht braucht Batterie – dazu ein ganz kurzer Exkurs in die Physik.

Blitzenergie wird angegeben in Joule, im Amerikanischen oft auch in Ws (Wattsekunden). Auch wenn Joule korrekt ist, schlägt die Bezeichnung Ws eine Brücke zum Dauerlicht, dessen Leistung in Watt angegeben wird. Stelos 800 L haben 800 Joule (Ws) Blitzleistung und knapp 50 W Einstelllicht. Lasse ich dieses während 16 Sekunden auf voller Leistung eingeschaltet, benötige ich dafür rund 16 s * 50 W = 800 Ws. Eine Minute volles Einstelllicht kostet mich hochgerechnet also die Energie von fast vier Blitzen mit 800 Joule. Eine vollgeladene Stelos Batterie erlaubt es mir, bis zu 300 Mal mit voller Leistung zu blitzen, also sind ein paar Minuten noch kein Drama – aber trotzdem!

Zurück zum Blitzlicht und auf die andere Seite des Sets. 

Wie eingangs erwähnt, stehen hier zwei weitere Stelos 800 L Kompaktgeräte etwas hinter dem Mauervorsprung verborgen. Positioniert sind sie so, dass das Blitzlicht zwar die Tänzerinnen, nicht aber die Wand erreicht. Während links die beiden Lichtquellen (Para und P45) ungefähr denselben Bereich beleuchten, herrscht rechts eine klare Aufgabentrennung. Der Bereich oberhalb der Fenster, der weiter weg ist von der Leuchte, wird von einem weiteren Engstrahlreflektor P45 beleuchtet. Genau wie links liefert die Blitzenergie hier ein Stelos 800 L, eingestellt auf maximale Leistung, also auf 800 J. 

Im unteren Bereich, wo die Tänzerinnen näher bei der Leuchte «hängen», brauchte ich etwas weniger Energie, dafür kommt mir ein leicht breiterer Abstrahlwinkel entgegen. Ein P65 hat genau diese beiden Eigenschaften. (Offene Reflektoren werden bei broncolor mit dem Buchstaben P und einer Zahl benannt; die Zahl bezieht sich dabei auf den Abstrahlwinkel.) Auch dieser P65 war an einem Stelos 800 L montiert, dieser aber wurde «nur» auf 400 J eingestellt.

Vom Para kamen 1600 J, von den beiden P45 je 800 J und vom P65 nochmals 400J. Trotz des sehr grossen Sets hatte ich mit insgesamt 3600 J genügend Licht, um die ausserordentlich starke Sonneneinstrahlung nach Wunsch zu kompensieren und im extremen Gegenlicht zu fotografieren. Den lichtstarken Reflektoren fiel dabei eine entscheidende Rolle zu.

Wir belichteten rund 160 Fotos während 2,5 Stunden. Die Batterien der Stelos waren beim Zusammenpacken noch gut halbvoll, beim Satos standen sogar noch 60% auf der Anzeige. Die Batterie-Lösungen von broncolor (Kompaktgeräte Stelos und Generator Satos) haben sich unter diesen extremen Bedingungen sehr gut bewährt. 

 

Credits:
Am einen Seil: Laetitia Kohler – www.laetitiakohler.com@laetikokoh
Am anderen Seil: Rebekka Gather – www.rebekkagather.com@rebekkagather
Am Cello: Mara Miribung – www.maramiribung.com@maramiribung
Fotoassistenz / BTS: Masato Yano – @schalemasato
Licht und Kamera: Urs Recher – www.ursrecher.ch@ursrecherphotography