How to: E-Commerce “White on White”

von Urs Recher

Schlechte Bildqualität in der E-Commerce-Fotografie wird häufig mit Zeitdruck entschuldigt: Viele Produkte, wenig Zeit. Also wird „hell gemacht“ – von gezielter Lichtführung kann man dabei leider nur selten sprechen. Dabei braucht es weder viel zusätzliches Equipment noch entscheidend mehr Zeit, um die Bildqualität deutlich zu steigern. Dieses Beispiel zeigt, wie schon mit minimalem Mehraufwand ein sauber kontrolliertes und hochwertiges Ergebnis erzielt werden kann.

Fotografiert werden soll ein ausgesprochen anspruchsvolles Objekt: eine weisse Parfümflasche mit strukturierter Oberfläche, gewölbten Seiten und einem glatten, runden Deckel – platziert auf einem vollständig weissen Hintergrund. Ziel ist ein präzises „White on White“-Ergebnis mit möglichst reduziertem Lichtequipment, um Anpassungen schnell und unkompliziert vornehmen zu können. Der Aufbau beginnt mit Hinter- und Untergrund, beides weiss-glänzende Acrylplatten. Der Hintergrund wird mit einer 60 × 100 cm grossen Softbox sehr homogen durchgeleuchtet. Kamerablende und Blitzleistung werden so aufeinander abgestimmt, dass der Hintergrund gemessene RGB-Werte von 254/254/254 erreicht. Das Ergebnis: Kratzer und Unreinheiten der Acrylplatte brennen vollständig aus, ohne dass störendes Streulicht im Studio entsteht oder die Kanten des Flacons überstrahlen. Der Untergrund wirkt bereits in diesem Stadium – ganz ohne Licht auf dem Objekt – sauber weiss, da sich der helle Hintergrund darin spiegelt. Eine tiefe Kameraposition unterstützt diesen Effekt zusätzlich. Bewusst wird auf einen klassischen Bodenschatten verzichtet. Die „Bodenhaftung“ der Flasche bleibt dennoch erhalten, da die Reflexion auf der Acrylplatte nicht wegretuschiert wird.

Beim Hauptlicht war die richtige Dimension der Lichtquelle entscheidend. Grössere Lichtformer hätten unweigerlich zu einem Verlust an Präzision geführt. Da der Flacon lediglich rund 12 × 12 cm misst, fiel die Wahl auf eine sehr kleine Flächenleuchte: eine Picobox an einer Picolite. Positioniert wurde sie nicht über, sondern vor dem Objekt. So konnte trotz der geringen Distanz sichergestellt werden, dass der Deckel nicht überbelichtet wurde. Besonders entscheidend war jedoch die Links-Rechts-Positionierung. Durch sie entstand auf der linken Seite der Flasche (von der Kamera aus gesehen) ein leichter Helligkeitsabfall, der die bauchige Front subtil betont. Gleichzeitig war die Picobox weit genug rechts platziert, um auch die rechte Seite zu erfassen und durch eine feine Gradation plastisch zu formen. Während die Beleuchtung von Hinter- und Untergrund für unterschiedliche Produkte unverändert bleiben kann, lässt sich das Licht mit minimalen Positionsanpassungen der Picobox sehr schnell auf neue Objekte abstimmen. Um die Struktur der Front optimal sichtbar zu machen, wurde bewusst auf zusätzliche Aufhellung verzichtet. Ausschliesslich die Reflexionen des hellen Untergrundes wurden dazu genutzt. Bei noch kleineren Objekten kann es sinnvoll sein, die Picobox um 90° zu drehen und die kurze Seite dem Objekt zuzuwenden. In diesem Fall empfiehlt es sich, den vorderen Bereich des Untergrundes schwarz abzudecken. Dieses Licht hätte keinen gestalterischen Nutzen und würde lediglich den Kontrast unnötig reduzieren. Fotografiert wurde mit einer digitalen Vollformat Kamera und einer Brennweite von 105mm. Bei ISO 64 war die Blende auf f/16 eingestellt und die Verschlusszeit auf 1/125s.